Wim Wenders
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Aus der Hamburger Morgenpost:

Dienstag 16.11.1999, 13:56

Auch Wenders schwört auf neue digitale Film-Technik

Frankfurt/Main (dpa) - Das Zauberwort der Filmwelt heißt «digital». Digitales Nachbearbeiten von Material am Computer gehört bei Film-, Fernseh- und Werbefilmen längst zum Produktionsalltag. Gute Digitalkameras mit hoher Bildauflösung werden von der Industrie gerade entwickelt. Und das digital abspielende Kino, das ohne jeden Filmschnipsel, geschweige denn schwere Filmrollen auskommt, ist für Experten schon nahe Zukunft.

Den allmählichen Abschied vom Zelluloid propagierten denn auch zwei Tage lang Regisseure, Computer- Freaks, Special-Effect-Tüftler wie der Amerikaner Ed Hawkins (bei James-Bond-Filmen), TV- und Film- Produzenten sowie Vertreter aus der Werbung auf dem Frankfurter Fachkongress «Edit 99».

900 Branchenkenner tauschten bis Dienstag in Vorträgen, Work-Shops und Diskussionen Neuigkeiten aus und bescheinigten dem traditionellen Film nur noch eine Restlaufzeit von etwa fünf bis 15 Jahren. Kratzer, Staub, Fussel auf dem projizierten Bild sowie Unschärfen und falsche Bildpositionierungen - ein Phänomen, das in jüngster Zeit immer öfter in Kinos auftritt - sollen dann der Vergangenheit angehören.

«Es ist alles digital. Es gibt sogar digitale Eierkocher und digitale Mausefallen», spöttelte Wim Wenders. Auch wenn sich der deutsche Star-Regisseur («Paris, Texas», «Der Himmel über Berlin») über das Modewort lustig macht, ist er doch einer der glühendsten Verfechter der damit verbundenen neuen Möglichkeiten. «Ich bin ein gnadenloser Optimist: Das künftige digitale Kino lässt das gesamte Kino wieder aufblühen. Wir stehen an einem Scheidepunkt: Digitale Technik rückt mit aller Macht an.» Die aktuelle Phase sei für die Film- und Werbebranche und Kinogänger nur noch eine «Übergangszeit».

Sein jüngstes Werk, den für ihn «unerwarteten» Kinoerfolg «Buena Vista Social Club», hatte Wenders schon mit einer digitalen Video- Kamera gedreht und am Computer vor allem farblich verändert. Was wegen einer kurzfristigen Anfrage seines Musiker-Freundes Ry Cooder ohne viel Aufwand, finanzielle Absicherung und somit preisgünstig produziert werden musste, entpuppte sich als großer Dokumentarfilm, den weltweit schon mehr als drei Millionen Menschen gesehen haben.

«Der Film, so wie er ist, wäre uns mit gewöhnlicher Technik nicht gelungen», erzählt Wenders. In einem Studio voller Musiker in Havanna musste geräuschlos und unauffällig gedreht werden. Da kamen ihm drei kleine Digital-Video-Kameras gerade recht, die zwei Kameraleute, er selbst und seine Frau im Wechsel bedienten. So habe er auch ohne Drehgenehmigung die kubanischen Altstars auf dem Empire State Building gefilmt: «Mit der Kamera sahen wir aus wie Touristen.»

Ursprünglich habe er geglaubt, dass Digitaltechnik nur etwas für Spezialeffekte und Streifen sei, in denen «Leuten der Kopf weggeblasen wird», bekennt Wenders. Doch die neue Produktionsweise erlaube Regisseuren - von Autoren- bis hin zum Fantasy-Filmen - künftig ein Handwerk und einen Erzählstil, «von dem wir bislang nur träumen konnten». Von «Leuten mit 100 Millionen in der Tasche» bis hin zum Studenten ohne große Geldgeber könnten «ungemein demokratisch» Filme produziert werden.

Wenders will seinen nächsten Spielfilm «In Amerika» vollständig mit digitaler Technik produzieren. Der Film soll wieder ein Road- Movie werden und eine Liebesgeschichte erzählen, «die quer durch Amerika führt». Da es in Kinos noch keine digitale Vorführtechnik gebe, müsse der Film auf Zelluloid belichtet werden. Wenders hatte auch seinen neuen Film «The Million Dollar Hotel», der mit Mel Gibson als Hauptakteur im Februar zur Eröffnung der Berliner Filmfestspiele uraufgeführt werden soll, zu 30 Prozent am Computer nachbearbeitet.

Komplett digital produzierte Filme mit hoher technischer Qualität werden nach Wenders Ansicht auf Grund der Entwicklung einer neuen Kamera mit 24 Bildern pro Sekunde möglich. Diese Technik sei auch deshalb so faszinierend, weil die erforderlichen Computer für die Weiterbearbeitung des Materials überall - «ob in Hollywood oder in Frankfurt» - verfügbar seien. Eine Entwicklung hin zu Filmen ohne Schauspieler, wie es manch einer befürchtet habe, sieht der Regisseur aber in einer «Sackgasse»: «Diese Vision ist völliger Quatsch.» Über künftige Filmprojekte will sich Wenders derzeit nicht näher äußern. Die ungeheuere technische Entwicklung müsse erst einmal abgewartet werden: «Derzeit kann man nicht zwei Filme vorausdenken.»