Frankfurt/Main (dpa) - Das Zauberwort der Filmwelt heißt «digital».
Digitales Nachbearbeiten von Material am Computer gehört bei Film-,
Fernseh- und Werbefilmen längst zum Produktionsalltag. Gute
Digitalkameras mit hoher Bildauflösung werden von der Industrie gerade
entwickelt. Und das digital abspielende Kino, das ohne jeden
Filmschnipsel, geschweige denn schwere Filmrollen auskommt, ist für
Experten schon nahe Zukunft.
Den allmählichen Abschied vom Zelluloid propagierten denn auch zwei
Tage lang Regisseure, Computer- Freaks, Special-Effect-Tüftler wie der
Amerikaner Ed Hawkins (bei James-Bond-Filmen), TV- und Film- Produzenten
sowie Vertreter aus der Werbung auf dem Frankfurter Fachkongress «Edit
99».
900 Branchenkenner tauschten bis Dienstag in Vorträgen, Work-Shops
und Diskussionen Neuigkeiten aus und bescheinigten dem traditionellen
Film nur noch eine Restlaufzeit von etwa fünf bis 15 Jahren. Kratzer,
Staub, Fussel auf dem projizierten Bild sowie Unschärfen und falsche
Bildpositionierungen - ein Phänomen, das in jüngster Zeit immer öfter
in Kinos auftritt - sollen dann der Vergangenheit angehören.
«Es ist alles digital. Es gibt sogar digitale Eierkocher und
digitale Mausefallen», spöttelte Wim Wenders. Auch wenn sich der
deutsche Star-Regisseur («Paris, Texas», «Der Himmel über Berlin»)
über das Modewort lustig macht, ist er doch einer der glühendsten
Verfechter der damit verbundenen neuen Möglichkeiten. «Ich bin ein
gnadenloser Optimist: Das künftige digitale Kino lässt das gesamte
Kino wieder aufblühen. Wir stehen an einem Scheidepunkt: Digitale
Technik rückt mit aller Macht an.» Die aktuelle Phase sei für die
Film- und Werbebranche und Kinogänger nur noch eine «Übergangszeit».
Sein jüngstes Werk, den für ihn «unerwarteten» Kinoerfolg «Buena
Vista Social Club», hatte Wenders schon mit einer digitalen Video-
Kamera gedreht und am Computer vor allem farblich verändert. Was wegen
einer kurzfristigen Anfrage seines Musiker-Freundes Ry Cooder ohne viel
Aufwand, finanzielle Absicherung und somit preisgünstig produziert
werden musste, entpuppte sich als großer Dokumentarfilm, den weltweit
schon mehr als drei Millionen Menschen gesehen haben.
«Der Film, so wie er ist, wäre uns mit gewöhnlicher Technik nicht
gelungen», erzählt Wenders. In einem Studio voller Musiker in Havanna
musste geräuschlos und unauffällig gedreht werden. Da kamen ihm drei
kleine Digital-Video-Kameras gerade recht, die zwei Kameraleute, er
selbst und seine Frau im Wechsel bedienten. So habe er auch ohne
Drehgenehmigung die kubanischen Altstars auf dem Empire State Building
gefilmt: «Mit der Kamera sahen wir aus wie Touristen.»
Ursprünglich habe er geglaubt, dass Digitaltechnik nur etwas für
Spezialeffekte und Streifen sei, in denen «Leuten der Kopf weggeblasen
wird», bekennt Wenders. Doch die neue Produktionsweise erlaube
Regisseuren - von Autoren- bis hin zum Fantasy-Filmen - künftig ein
Handwerk und einen Erzählstil, «von dem wir bislang nur träumen
konnten». Von «Leuten mit 100 Millionen in der Tasche» bis hin zum
Studenten ohne große Geldgeber könnten «ungemein demokratisch» Filme
produziert werden.
Wenders will seinen nächsten Spielfilm «In Amerika» vollständig
mit digitaler Technik produzieren. Der Film soll wieder ein Road- Movie
werden und eine Liebesgeschichte erzählen, «die quer durch Amerika führt».
Da es in Kinos noch keine digitale Vorführtechnik gebe, müsse der Film
auf Zelluloid belichtet werden. Wenders hatte auch seinen neuen Film «The
Million Dollar Hotel», der mit Mel Gibson als Hauptakteur im Februar
zur Eröffnung der Berliner Filmfestspiele uraufgeführt werden soll, zu
30 Prozent am Computer nachbearbeitet.
Komplett digital produzierte Filme mit hoher technischer Qualität
werden nach Wenders Ansicht auf Grund der Entwicklung einer neuen Kamera
mit 24 Bildern pro Sekunde möglich. Diese Technik sei auch deshalb so
faszinierend, weil die erforderlichen Computer für die
Weiterbearbeitung des Materials überall - «ob in Hollywood oder in
Frankfurt» - verfügbar seien. Eine Entwicklung hin zu Filmen ohne
Schauspieler, wie es manch einer befürchtet habe, sieht der Regisseur
aber in einer «Sackgasse»: «Diese Vision ist völliger Quatsch.» Über
künftige Filmprojekte will sich Wenders derzeit nicht näher äußern.
Die ungeheuere technische Entwicklung müsse erst einmal abgewartet
werden: «Derzeit kann man nicht zwei Filme vorausdenken.»